Langlebigkeit: Selank (Anxiolytisches Tuftsin-Analogon — BDNF & GABA-Modulation)
Wie ein sieben Aminosäuren langes Peptid aus der russischen Pharmaforschung Angst, Stress und kognitive Defizite adressiert
Selank ist ein synthetisches Heptapeptid (sieben Aminosäuren), das als stabiles Analogon des körpereigenen Immunmodulators Tuftsin entwickelt wurde. Es vereint drei pharmakologische Eigenschaften in einem Molekül: anxiolytisch (angstlösend), nootropisch (kognitionsfördernd) und immunmodulatorisch. Entwickelt wurde es am Institut für Molekulare Genetik der Russischen Akademie der Wissenschaften (IMG RAN) und ist in Russland unter dem Handelsnamen Selank (Lösung zur intranasalen Applikation) als Anxiolytikum zugelassen. Die Wirkmechanismen umfassen die Modulation von Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF), die Beeinflussung des GABA-Systems und die Hemmung des Enzyms Enkephalinase — drei Angriffspunkte, die Selank von klassischen Benzodiazepinen und Barbituraten abgrenzen.
📋 Zusammenfassung
- Selank ist ein synthetisches Heptapeptid (Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro), ein modifiziertes Analogon des Immuno-Peptids Tuftsin (Thr-Lys-Pro-Arg), entwickelt am IMG RAN, Russland.
- Zulassung: In Russland seit 2011 als anxiolytisches und nootropes Medikament zugelassen (intranasale Applikation). In der EU und den USA nicht zugelassen.
- Mechanismen: BDNF-Hochregulation in Hippocampus und Präfrontalcortex, Modulation der GABA-A-Rezeptor-Aktivität, Hemmung der Enkephalinase (Endorphin-Schutz), Stabilisierung von Tuftsin-Rezeptor-Signalwegen.
- Klinische Evidenz: Sechs peer-reviewed PubMed-Studien belegen anxiolytische Wirkung (Ratten-Entzugsmodell, PMID 36322304), GABA-Interaktion (Review, PMID 34396551), BDNF-Mechanismus (Ratten, PMID 31625062) und Hippocampus-Effekte (PMID 28361410).
- Indikationen (Russland): Generalisierte Angststörung (GAD), Anpassungsstörungen, neurasthenische Syndrome, kognitive Defizite. In Studien: PTSD-Symptome, Opioid-Entzug, Ethanol-induzierte Gedächtnisdefizite.
💡 Warum Selank für Langlebigkeit relevant ist
Chronischer Stress und unbehandelte Angststörungen zählen zu den stärksten Beschleunigern biologischer Alterung — sie erhöhen Allostatic Load, verkürzen Telomere, supprimieren BDNF und treiben Inflammation (Inflammaging). Selank adressiert mehrere dieser Pfade gleichzeitig: Die BDNF-Hochregulation in Hippocampus und Präfrontalcortex (Rattenmodell, PMID 31625062) stützt synaptische Plastizität, die GABA-Modulation reduziert exzitatorische Überladung, und die Enkephalinase-Hemmung verlängert die Wirkung endogener Opioide (Enkephaline), die an Stressresilienz beteiligt sind. Damit positioniert sich Selank nicht primär als „Anti-Angst-Pille", sondern als peptiderger Modulator neuroplastischer und stress-adaptiver Pfade — mit potenzieller Relevanz für Stress-induzierte Beschleunigung des Alterns.
Mechanismus: Vier voneinander unabhängige Wirkebenen
Selank ist pharmakologisch ungewöhnlich, weil es vier verschiedene Angriffspunkte kombiniert — ein Multi-Target-Peptid im Geist moderner Network Pharmacology:
1. Tuftsin-Analogon: Stabilisierung des Immunsignalings
Tuftsin (Thr-Lys-Pro-Arg) ist ein natürlich vorkommendes Tetrapeptid, das aus dem Fc-Fragment des Immunglobulins G (IgG) enzymatisch freigesetzt wird und über den Tuftsin-Rezeptor (Fcγ-Rezeptor-ähnlich) auf Makrophagen, Neutrophilen und Lymphozyten wirkt. Es fördert Phagozytose, Antigenpräsentation und Zytokin-Balance.
Selank (Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro) trägt das vollständige Tuftsin-Motiv als N-terminale Sequenz und ist durch die zusätzlichen C-terminalen Aminosäuren (Pro-Gly-Pro) gegen proteolytischen Abbau stabilisiert. Damit ahmt Selank Tuftsin-Signaling nach, ohne so schnell degradiert zu werden — und erreicht dadurch zentrale Effekte auf Monozyten/Makrophagen und Mikrogliazellen im Gehirn (PMID 30255741).
2. BDNF-Modulation in Hippocampus und Präfrontalcortex
Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) ist das zentrale neurotrophe Protein für synaptische Plastizität, Lernen, Gedächtnis und Stimmungsregulation. Reduzierte BDNF-Spiegel sind ein konsistenter Befund bei Depression, Angststörungen und PTBS. Selank normalisiert stressinduziert abgesenkte BDNF-Spiegel — gezeigt im Rattenmodell mit Ethanol-induziertem Gedächtnisdefizit (PMID 31625062): Selank-Gabe erhöhte die BDNF-Konzentration in Hippocampus und Präfrontalcortex und schützte vor Ethanol-bedingter kognitiver Beeinträchtigung. Dies unterscheidet Selank von klassischen Anxiolytika, die BDNF senken (etwa Benzodiazepine bei chronischer Gabe).
3. GABA-A-Rezeptor-Modulation
Selank ist kein direkter GABA-A-Agonist wie Benzodiazepine oder Barbiturate, sondern wirkt modulierend auf das GABAerge System — vermutlich über Beeinflussung der GABA-A-Rezeptor-Untereinheiten-Expression und indirekte Verstärkung der GABAergen Transmission. Ein umfassender Review in Journal of Clinical Pharmacology (2021, PMID 34396551) klassifiziert Selank neben Phenibut, Flunitrazepam und GHB als sedativ-hypnotisch wirkenden GABA-Modulator, betont aber die deutlich günstigere Sicherheits- und Abhängigkeitsprofile gegenüber den anderen drei Substanzen. Selank führt im Tiermodell nicht zu der für Benzodiazepine typischen Toleranzentwicklung und zeigt keine muskelrelaxierende oder atemdepressive Wirkung in anxiolytisch wirksamen Dosen.
4. Enkephalinase-Hemmung
Enkephalinase (Neprilysin) ist das Hauptenzym für den Abbau endogener Enkephaline (Methionin-Enkephalin, Leucin-Enkephalin). Selank hemmt dieses Enzym — möglicherweise indirekt über die Beeinflussung der Genexpression. Die Folge ist eine verlängerte Halbwertszeit der körpereigenen Opioidpeptide, die an Schmerzmodulation, emotionaler Resilienz und Stress-Coping beteiligt sind. Diese Komponente erklärt teilweise die anxiolytische und leicht stimmungsaufhellende Wirkung ohne Suchtpotenzial.
5. Pharmakokinetik und Applikationsweg
Selank wird klinisch intranasal appliziert (0,15 %-Lösung, Standarddosierung 250–500 µg pro Dosis, 2- bis 3-mal täglich). Der intranasale Zugang wurde gewählt, weil das Peptid oral durch Magensäure und Darmpeptidasen schnell degradiert würde — die nasale Mukosa erlaubt hingegen eine direkte Aufnahme in den systemischen Kreislauf und, über die olfaktorische Route, einen gewissen direkten Zugang zum ZNS unter Umgehung der Blut-Hirn-Schranke.
Die Plasma-Halbwertszeit liegt im Bereich weniger Stunden — typisch für kleine Peptide, die renal eliminiert werden. Keine Cytochrom-P450-Interaktionen sind zu erwarten, da Selank als Peptid nicht über hepatische Phase-I-Enzyme metabolisiert wird. Damit sind pharmakokinetische Wechselwirkungen mit klassischen Psychopharmaka (SSRI, SNRI, Benzodiazepine) auf additiv-synergistische sedative Effekte beschränkt — metabolische Interferenzen sind unwahrscheinlich.
Das pharmakokinetische Profil macht Selank zu einem besonders berechenbaren Wirkstoff für Patienten mit Komedikation — ein Vorteil gegenüber Benzodiazepinen, deren Cytochrom-vermittelter Stoffwechsel starke genetische Polymorphismen (CYP3A4, CYP2C19) aufweist und regelhaft zu klinisch relevanten Arzneimittelinteraktionen führt.
Eine interessante Beobachtung aus den russischen Anwendungsdaten ist die fehlende Akkumulation bei regelmäßiger intranasaler Applikation über mehrere Wochen — konsistent mit der kurzen Plasma-Halbwertszeit und der renalen Clearance. Damit unterscheidet sich Selank auch pharmakokinetisch von Substanzen wie Phenazepam oder Phenibut, deren lange Wirkdauer und teilweise unkontrollierte Kumulation als Sicherheitsrisiken gelten.
Klinische Evidenz
Die Evidenzlage zu Selank stützt sich auf präklinische Studien (Rattenmodelle, hippocampale Schnittpräparate) sowie klinische Beobachtungen aus der russischen Anwendungspraxis. Publizierte randomisierte kontrollierte Humanstudien im westlichen Sinne sind rar — die meisten Daten stammen aus russischen Quellen und sind teilweise nur schwer zugänglich. Im Folgenden die sechs zentralen peer-reviewed Publikationen aus PubMed:
1. Selank bei Opioid-Entzug (2022, Bull Exp Biol Med)
Eine präklinische Studie (PMID 36322304) zeigte, dass Selank im Rattenmodell Aversionszeichen des Morphin-Entzugs abschwächt. Mit Morphin chronisch behandelte Ratten zeigten nach Naloxon-Provokation typische Entzugssymptome; Selank-Gabe reduzierte diese Verhaltensmarker signifikant. Der Mechanismus wurde mit der Modulation serotonerger und GABAerger Neurotransmission sowie BDNF-Erhaltung in Verbindung gebracht. Diese Studie ist relevant, weil sie Selanks anxiolytische Wirkung in einem besonders harten Stressmodell bestätigt.
2. Selank im Vergleich zu GABA-Modulatoren (2021, J Clin Pharmacol)
Ein umfassender Review (PMID 34396551) klassifiziert Selank als sedativ-hypnotischen Wirkstoff mit GABA-Wirkung — neben Flunitrazepam, GHB (Gamma-Hydroxybutyrat) und Phenibut. Der Review hebt hervor, dass Selank trotz GABAerger Wirkung keine klinisch relevante Atemdepression verursacht, keine Toleranzentwicklung in Standarddosierungen zeigt und keine klassische Benzodiazepin-Abhängigkeit auslöst. Diese pharmakologische Sonderstellung macht Selank für Psychiater und Stressmediziner interessant.
3. Funktionelle Konnektomik (2020, Dokl Biol Sci)
Eine Studie zu funktioneller Konnektivität (PMID 32342318) verglich die Wirkungen von Selank und Semax (ein verwandtes nootropes Peptid) auf Hirnnetzwerke. Mittels funktioneller Bildgebung wurden veränderte Konnektivitätsmuster in Stress- und Aufmerksamkeitsnetzwerken identifiziert — insbesondere im Bereich des anterioren cingulären Cortex und der Insula, die bei Angststörungen regelhaft überaktiv sind. Die Studie liefert einen neurowissenschaftlichen Rahmen für die beobachtete anxiolytische und kognitionsfördernde Wirkung.
4. BDNF-Mechanismus bei Ethanol-induziertem Gedächtnisdefizit (2019, Bull Exp Biol Med)
Eine mechanistische Schlüsselstudie (PMID 31625062) untersuchte die Wirkung von Selank auf Ethanol-induzierte kognitive Defizite im Rattenmodell. Ethanol senkt bekanntermaßen die BDNF-Expression in Hippocampus und Präfrontalcortex. Selank-Gabe normalisierte die BDNF-Spiegel und schützte vor dem räumlichen Gedächtnisdefizit. Der Mechanismus umfasst eine Hochregulation der BDNF-mRNA und eine Stabilisierung des TrkB-Signalwegs — ein Wirkprofil, das dem klassischer Antidepressiva (SSRI, Ketamin) ähnelt, aber ohne deren Nebenwirkungsprofil auskommt.
5. Molekulare Aspekte der Heptapeptid-Aktivität (2018, Protein Pept Lett)
Ein detaillierter Review zur Struktur-Wirkungs-Beziehung (PMID 30255741) fasst die molekularen Grundlagen der Selank-Wirkung zusammen: Bindung an den Tuftsin-Rezeptor, Modulation intrazellulärer Signalkaskaden (cAMP, MAPK/ERK), Beeinflussung der Genexpression neurotropher Faktoren (BDNF, NGF). Der Review betont, dass bereits minimale Sequenzmodifikationen am Heptapeptid die biologische Aktivität drastisch verändern — ein Hinweis auf präzise Rezeptor-Interaktion.
6. Hippocampale synaptische Aktivität (2017, Bull Exp Biol Med)
Eine elektrophysiologische Studie (PMID 28361410) untersuchte die Wirkung von Selank auf spontane synaptische Aktivität in CA1-Neuronen des Hippocampus (Rattenhirn-Schnittpräparat). Selank veränderte die Frequenz und Amplitude spontaner inhibitorischer und exzitatorischer postsynaptischer Ströme — ein direkter Beleg für die modulatorische Wirkung auf hippocampale Netzwerke. Der Hippocampus ist zentral für Gedächtnis, Angst-Konsolidierung und Stress-Regulation.
Vergleichstabelle: Wo steht Selank im Spektrum russischer Anxiolytika/Nootropika?
| Wirkstoff | Klasse | Wirkmechanismus | Status 06/2026 |
|---|---|---|---|
| Selank | Heptapeptid (Tuftsin-Analogon) | BDNF↑, GABA-Modulation, Enkephalinase-Hemmung | Zugelassen in Russland; EU/USA: nicht zugelassen |
| Semax | Heptapeptid (ACTH-Analogon) | BDNF↑, NGF↑, neurotrophe Wirkung | Zugelassen in Russland; EU/USA: nicht zugelassen |
| Phenibut | β-Phenyl-GABA-Derivat | GABA-B-Agonist (hauptsächlich) | Zugelassen in Russland; in EU als „Novel Food" umstritten, USA: Nahrungsergänzungsmittel (mit Warnungen) |
| Bromantan | Adamantan-Derivat | Dopamin- und Serotonin-Modulation, anxiolytisch | Zugelassen in Russland (Anti-Angst + Psychoanaleptikum); international nicht zugelassen |
| Phenazepam | Benzodiazepin | GABA-A-Positivmodulator (stark) | Zugelassen in Russland/CIS; westliche Länder: nicht zugelassen |
Quellen: PMID 34396551, 30255741, 32342318; russische Pharmaregister. Semax wird im Detail in einem separaten Artikel dieser Reihe behandelt.
Nebenwirkungen & Sicherheit
Die verfügbaren Sicherheitsdaten aus der russischen Anwendung und aus Tierstudien zeichnen ein insgesamt günstiges Bild — Selank hebt sich von klassischen Anxiolytika deutlich ab:
- Akute Nebenwirkungen (selten): Leichte Schläfrigkeit in den ersten Behandlungstagen, vorübergehende Kopfschmerzen, lokale Reizung der Nasenschleimhaut (bei intranasaler Applikation), gelegentlich leichte Mundtrockenheit.
- Keine Atemdepression in klinisch verwendeten Dosen — ein entscheidender Unterschied zu Benzodiazepinen und Barbituraten (PMID 34396551).
- Keine muskelrelaxierende Wirkung in anxiolytisch wirksamen Dosen.
- Kein Hinweis auf Toleranzentwicklung oder klassische Abhängigkeit in Tierstudien über mehrwöchige Behandlungsdauer.
- Keine Teratogenität in tierexperimentellen Studien, jedoch keine ausreichenden Human-Daten für Schwangerschaft und Stillzeit.
- Entzugssymptome: In den vorliegenden Studien nicht systematisch untersucht. Aufgrund des GABAergen Wirkanteils und der Enkephalinase-Hemmung ist ein theoretisches Rebound-Phänomen bei abruptem Absetzen nach Langzeitgabe nicht ausgeschlossen — eine schrittweise Reduktion ist empfehlenswert.
Wichtiger Vorbehalt: Die meisten verfügbaren Sicherheitsdaten stammen aus kleinen russischen Studien ohne moderne GCP-Standards (Good Clinical Practice). Westliche Phase-2/3-Studien mit ausreichender Power, klaren Endpunkten und unabhängiger Datenanalyse existieren Stand 2026 nicht.
Praktische Implikationen
Stand Juni 2026 ist Selank in Europa, den USA und Deutschland weder als Medikament noch als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen. Folgende Punkte sind für interessierte Anwender relevant:
- Russische Verfügbarkeit: In Russland wird Selank in Apotheken unter dem gleichnamigen Handelsnamen vertrieben (intranasale Tropfen, 0,15 %; übliche Dosis 250–500 µg, 2- bis 3-mal täglich). Eine ärztliche Verschreibung ist erforderlich.
- Graumarkt in der EU/USA: Diverse Online-Anbieter (insbesondere über russische Versandapotheken oder „Research-Peptide"-Händler) bieten Selank-Lyophilisate oder -Lösungen an. Diese Produkte sind nicht auf Reinheit, Dosiergenauigkeit oder Sterilität geprüft und unterliegen keiner pharmazeutischen Qualitätskontrolle. Ein nicht unerheblicher Anteil der „Research-Grade"-Peptide aus dem Internet weist Abweichungen von der deklarierten Sequenz, Verunreinigungen oder inkonsistente Dosierungen auf.
- Individuelle Erwägungen: Eine Selbstanwendung außerhalb Russlands ist nicht empfehlenswert — weder rechtlich noch pharmakologisch-toxikologisch. Personen mit diagnostizierter Angststörung, PTBS oder chronischem Stress sollten etablierte Therapien (kognitive Verhaltenstherapie, SSRI/SNRI, etablierte Anxiolytika) bevorzugen.
- Stressmanagement-Alternativen: Bis zur westlichen Zulassung sind Meditation, Ausdauertraining, Schlafoptimierung und kognitive Verhaltenstherapie die nachweislich wirksamsten Mittel zur BDNF-Steigerung und Stress-Resilienz — allesamt mit dokumentierter Sicherheit und ohne Graumarkt-Risiko.
⚠️ Regulatorischer Hinweis
Status (Juni 2026): Selank ist in Russland seit 2011 als anxiolytisches und nootropes Medikament zugelassen (Lösung zur intranasalen Applikation, Handelsname „Selank", Hersteller: INN-FARM / IMG RAN). In der Europäischen Union und in den USA existiert keine Zulassung — weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel. Eine ärztliche Verschreibung in Deutschland ist rechtlich nicht möglich.
Wichtiger Hinweis: Selank ist kein Nahrungsergänzungsmittel, sondern ein verschreibungspflichtiges pharmakologisches Peptid. „Research Grade"-Selank aus Online-Apotheken, Graumarkt-Shops oder russischen Versandquellen ist keine therapeutische Alternative — Reinheit, Sequenzintegrität, Sterilität und Dosiergenauigkeit sind bei diesen Quellen nicht garantiert.
Kontraindikationen (laut russischer Fachinformation): Bekannte Überempfindlichkeit gegen Selank oder andere Peptid-Wirkstoffe, Schwangerschaft und Stillzeit (ungenügende Daten), schwere Leber- oder Niereninsuffizienz (keine Daten). Vorsicht bei gleichzeitiger Gabe anderer sedierender Substanzen (Alkohol, Benzodiazepine, Opioide) — additive sedative Wirkung möglich. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: keine Daten verfügbar.
Ausblick: Klinische Translation außerhalb Russlands
Die translationale Hürde für Selank ist weniger pharmakologisch als regulatorisch und kommerziell:
- Pharmakologische Eignung: Die Multi-Target-Mechanismen (BDNF, GABA, Enkephalinase, Tuftsin) sind konsistent dokumentiert; das Sicherheitsprofil aus Tierstudien und russischer Anwendung ist günstig. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund, warum Selank nicht auch westlichen Patienten zugänglich gemacht werden könnte.
- Regulatorische Hürden: Eine westliche Zulassung würde GMP-konforme Herstellung, vollständige Toxikologiepakete nach ICH-Richtlinien und Phase-1–3-Studien erfordern — Investitionen im niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Für ein nicht-patentierbares oder schwach patentierbares Heptapeptid ist dies kommerziell schwierig darstellbar. Strukturvarianten mit erhöhter Patentschutzfähigkeit wären eine mögliche Strategie.
- Indikationsgebiete mit Bedarf: PTBS-Behandlung (posttraumatische Belastungsstörung), therapieresistente GAD (Generalisierte Angststörung), Opioid-Entzugs-Support, kognitive Defizite nach viralen Enzephalitiden — alle Felder, in denen westliche Standardtherapien nur teilweise wirksam sind.
- Forschungstrend: Das wachsende Interesse an peptidergen Therapeutika — getrieben durch GLP-1-Agonisten (Semaglutid, Tirzepatid) und neurotrophe Peptide — könnte auch Selank-Analoga neue Aufmerksamkeit verschaffen.
- Bezug zu Tuftsin selbst: Das natürliche Tuftsin-Tetrapeptid (Thr-Lys-Pro-Arg) wird ebenfalls weiter beforscht, etwa im Kontext von Immundefekten und Tumorimmuntherapie (z.B. PubMed-Indexierungen zu Tuftsin-Endothelzellen-Interaktion). Selank-Daten liefern indirekt Erkenntnisse über Tuftsin-Signalwege.
- Langlebigkeits-Interface: BDNF ist nicht nur ein Stimmungs- und Kognitions-Mediator, sondern auch ein survival factor für hippocampale und kortikale Neurone. Tierstudien zeigen, dass erhöhte BDNF-Spiegel hippocampale Neurogenese fördern — ein Prozess, der im Erwachsenenalter weiter stattfindet und mit kognitiver Reserve im Alter assoziiert ist. Selank-artige BDNF-Stabilisierung könnte daher theoretisch neuroprotektive Langzeiteffekte haben, die über die akute Anxiolyse hinausgehen — diese Hypothese ist bislang nicht klinisch validiert, aber ein plausibler translationaler Ansatzpunkt.
- Synergie mit Lifestyle-Interventionen: Bekannte BDNF-Booster sind Ausdauertraining, Schlaf und kalorische Restriktion. Selank könnte in Kombination mit diesen Lebensstilfaktoren als pharmakologischer Verstärker wirken, ohne die physiologischen Anpassungsprozesse zu unterdrücken — ein theoretischer Vorteil gegenüber Benzodiazepinen, die bekanntermaßen trainingsinduzierte BDNF-Erhöhungen blockieren.
Fazit
Selank ist ein pharmakologisch faszinierendes Heptapeptid, das als stabiles Analogon des körpereigenen Tuftsin entwickelt wurde und in Russland seit über einem Jahrzehnt als Anxiolytikum und Nootropikum eingesetzt wird. Die Stärke des Wirkstoffs liegt in seinem Multi-Target-Profil: BDNF-Hochregulation in Hippocampus und Präfrontalcortex (PMID 31625062), Modulation GABAerger Transmission ohne Atemdepression (PMID 34396551), Enkephalinase-Hemmung und direkte Wirkung auf hippocampale Synapsen (PMID 28361410). Im Tiermodell zeigt Selank anxiolytische Wirkung auch unter extremen Stressbedingungen wie Morphin-Entzug (PMID 36322304) und Ethanol-induzierter kognitiver Beeinträchtigung.
Für die Langlebigkeitsmedizin ist Selank indirekt relevant: chronischer Stress und unbehandelte Angststörungen beschleunigen die biologische Alterung über Allostatic Load, Telomer-Verkürzung, BDNF-Suppression und Inflammaging. Ein pharmakologisches Werkzeug, das diese Pfade ohne Abhängigkeits- oder Atemdepressionsrisiko adressiert, hätte einen klaren Platz in der präventiven Stressmedizin — sofern westliche Phase-2/3-Daten die Ergebnisse aus russischen Quellen bestätigen.
Bis dahin bleibt Selank außerhalb Russlands ein experimenteller Wirkstoff ohne Zulassung. Eine Selbstanwendung über Graumarkt-Quellen ist weder rechtlich noch pharmakologisch empfehlenswert. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob westliche Pharmaunternehmen oder akademische Konsortien das translationale Risiko auf sich nehmen, Selank — oder ein strukturverwandtes Analog — in westlichen Indikationen zu entwickeln.
📚 Quellen
- Selank bei Opioid-Entzug: Selank, a Peptide Analog of Tuftsin, Attenuates Aversive Signs of Morphine Withdrawal in Rats. Bull Exp Biol Med, 2022. PMID 36322304
- GABA-System-Review: Sedative-Hypnotic Agents That Impact Gamma-Aminobutyric Acid Receptors: Focus on Flunitrazepam, Gamma-Hydroxybutyric Acid, Phenibut, and Selank. J Clin Pharmacol, 2021. PMID 34396551
- Funktionelle Konnektomik: Functional Connectomic Approach to Studying Selank and Semax Effects. Dokl Biol Sci, 2020. PMID 32342318
- BDNF bei Ethanol-induziertem Defizit: Selank, Peptide Analogue of Tuftsin, Protects Against Ethanol-Induced Memory Impairment by Regulating of BDNF Content in the Hippocampus and Prefrontal Cortex in Rats. Bull Exp Biol Med, 2019. PMID 31625062
- Molekulare Wirkmechanismen: Peptide-based Anxiolytics: The Molecular Aspects of Heptapeptide Selank Biological Activity. Protein Pept Lett, 2018. PMID 30255741
- Hippocampale synaptische Aktivität: Effect of Selank on Spontaneous Synaptic Activity of Rat Hippocampal CA1 Neurons. Bull Exp Biol Med, 2017. PMID 28361410
- Tuftsin-Immunmodulation (Hintergrund): Tuftsin: a natural immunomodulator with therapeutic potential. Reviews zur Tuftsin-Phagozytose- und Makrophagenaktivierung in Int Immunopharmacol und verwandten Journalen (Suchbegriff: „Tuftsin macrophage phagocytosis").
- BDNF und Stress (Hintergrund): Brain-Derived Neurotrophic Factor als zentrales neurotrophines Protein bei Stress, Angst und kognitiver Funktion — übersichtsarbeiten in Neuropsychopharmacology und Biol Psychiatry.